Vor wenigen Jahrzehnten noch gab es unter den fast drei Milliarden Asiaten keinen einzigen Großmeister. Heute sind es fast einhundert. Eine der wichtigsten Ursachen dieses Aufschwungs ist das in westeuropäischen Ländern fast gänzlich unbekannte Phänomen der riesigen Schachschulen, wo die Basis geschaffen wird, aus der spätere Spitzenspieler hervorgehen.

Eine der bemerkenswertesten Einrichtungen dieser Art wird an Asiens südlichstem Zipfel betrieben. Heinz Brunthaler, manchem Leser als Turnierorganisator und Schachpädagoge bekannt, besuchte eine dieser Keimzellen des asiatischen Schachbooms.

Eine kurze Fahrt mit dem Taxi bringt mich an einem regentrüben, für asiatische Verhältnisse kühlen Samstagmittag in einen nördlichen Teil von Singapur, zum Goldhill Plaza, einem großen Rundbau an der Ecke eines Platzes mit Bürohochhäusern und Geschäften. INTCHESS ASIA und die Asean Chess Academy sind leicht zu finden; zahlreiche Eltern und Kinder bevölkern das enge Treppenhaus, das zum ersten und zweiten Stock führt, denn in Kürze werden die heutigen Kurse beginnen.

In der ersten Etage kommt man in einen großen Raum, der eine Mischung aus Flur und Foyer darstellt. Von dort geht es zu mehreren meist größeren Räumen, die wohl als Spielsaal oder für die Arbeit mit großen Gruppen dienen, Einer der Trainer sitzt am Computer und sucht noch zusätzliches Material für seinen bald beginnenden Unterricht. Dieser Bereich ist fast menschenleer, eine Etage höher dagegen herrscht quirliges Leben. In einem schmalen Bürobereich mit Tresen direkt am Eingang drängen sich Eltern, die neue Kurse buchen und bezahlen wollen, kaufen Kids T-Shirts, die mit einem Schachdiagramm aus einer Stellung aus einer Meisterpartie bedruckt sind, hasten Kinder und Trainer in die Unterrichtsräume. Stundentafeln und Übersichtspläne an der Wand erinnern an „richtige“ Schulen, auf einigen Wandtafeln sind zahlreiche Notizen zu sehen. Vorne am Eingang hält ein Ständer Terminpläne der nächsten Kurse und Formulare zur Buchung bereit. Da gibt es „Weekly Beginners Chess Classes“, „Chess Course for Children Beginners (Stage 1) oder „Private Chess Training Booking Form 2005“. Mit einem anderen Formular könnte man Mitglied des angeschlossenen Schachklubs werden. Die Jahresbeiträge reichen von 60 / 72 Singapur $ (1 Singapur $ – 0,50 6, im weiteren Verlauf ist stets der Singapurdollar gemeint) für Jugendliche / Erwachsene für einfache Mitgliedschaft bis zur „Platinum“ Mitgliedschaft für l70 / 180 $, die Rabatte für Kurse und den Kauf von Material beinhaltet.

 

Der Chef der Schachschule ist Mr. Ignatius Leong. Man merkt ihm nicht an, dass er als Vizepräsident und Generalsekretär der FIDE, Chairman der Development Commission und Präsident der Asean Chess Federation einer der wichtigsten Funktionäre im internationalen Schach ist. Sein FM-Titel lässt darauf schließen, dass er in der Vergangenheit auch als Spieler seinen Mann gestanden hat, wenn er auch wohl heute kaum noch zum Spielen kommt. Mr. Leong führt mich persönlich durch die Klassenräume, wo gleichzeitig Kurse aller Spielstärkestufen stattfinden. Die Gruppen bestehen aus durchschnittlich etwa 8 Kindern von U6 bis ca. U12. In jedem der kleinen Klassenräume hängt ein Demobrett, auf dem Tisch vor den Schülern stehen aufgebaute Spiele für spätere Übungen oder Trainingspartien bereit. Ein russischer Trainer hat ein Endspiel König + 2 Bauern gegen König + Turm auf dem Demobrett. Ein anderer russischer Trainer führt einer fortgeschrittenen Klasse eine Partie vor, hier sind wohl Planfassung und taktische Aspekte das Thema. Eine Trainerin aus Kasachstan hat offene Linien als Thema. Sie erweist sich als echte Herausforderung für meine Kamera, denn – wie mir schon von Artur Jussupow bekannt – hat sie eine gute Technik, schnell ans Demobrett zu treten, den Zug auszuführen und blitzschnell wieder zur Seite zu treten, damit sie niemandem den Blick versperrt. Eine gute Methode, die anscheinend sowjetischen Trainern allgemein beigebracht wurde, die aber eine gute Fotoaufnahme zum Glückstreffer macht.

Nach dem Rundgang beantwortet mir Mr. Leong viele Fragen und wir diskutieren über Schachschulprojekte in anderen Ländern. Er zeigt sich erstaunt, dass es in Deutschland keine vergleichbare permanente Schachschule gibt. Mit der Queen, einer modernen digitalen Schachuhr, kann ich wenigstens ein bisschen Ehre für Deutschland einlegen. Mr. Leong wiegt die Uhr abwägend in der Hand und ist von der schweren und soliden Bauweise sichtlich beeindruckt. Ein kurzer Test auf der glatten Oberfläche seines Schreibtischs bestätigt ihm, dass die Queen auch unter härtesten Attacken nicht von ihrem Platz weichen wird. Auch die zusätzlichen Trainingsfunktionen interessieren ihn, vielleicht können seine Trainer einiges davon z. B. für Zeitnot- oder Einzeltraining verwenden.

Am nächsten Tag besuche ich das Kinderturnier (Schnellschach) in der Aula einer Schule, nur einige Autominuten entfernt von der Schachakademie. In einem nach zwei Seiten offenen großen Pausenraum (Durchzug ist bei den Temperaturen in Südostasien die beste und einfachste Kühlmethode) sitzen zahlreiche Eltern mit ihren Kindern und warten auf die nächste Runde. Nur wenige Eltern bringen ihr Kind bis ans Brett, meist trennt man sich vor dem Spielbereich. Kein Kind hat, wie bei deutschen Kinderturnieren üblich, Süßigkeiten oder etwas zu essen dabei, nur kleine bunte nachfüllbare „Feldflaschen“ begleiten die jungen Schachfighter in den Kampf. Das hat die erfreuliche Nebenwirkung, dass der Turniersaal bis auf ein paar vergessene Stifte völlig sauber ist. Auch die üblichen Baumelbären und Glückstiere fehlen, ich sehe während des Turniers nur einen Bären an einem Kinderrucksack hängen.

Auf den Tischen liegen Durchschreibformulare für 80 Züge im Großformat, was den Kindern das Mitschreiben leichter macht. In unsere Partieformulare mit den schmalen Spalten würde wohl kaum eine Kinderschrift passen. Allerdings schreiben nicht alle der Kleinen mit; einige sind noch zu jung, andere sind wohl nicht an die Partienotation gewöhnt. In 8 Gruppen (Altersklassen U6, U8, U10, U12; jeweils Jungs und Mädchen getrennt) mit zwischen ca. jeweils 30 bis über 100 Kindern wird gespielt, die Mädchengruppen sind deutlich kleiner. Die Eltern dürfen den Spielbereich nicht betreten, nur einige der Trainer der Schachschule und die Schiedsrichter stehen im Innenraum bereit, sich um eventuelle Fragen und Probleme zu kümmern. Wenn ein Kind einen Betreuer braucht oder auf Toilette gehen will, hebt es den Arm hoch und wartet geduldig, bis jemand kommt. Die Eltern sind entweder in den Aufenthaltsraum gegangen oder sitzen geduldig in kleinen Gruppen zusammen oder mit ihren nicht teilnehmenden Kindern in den entfernten Ecken des Saals, einige machen ein Nickerchen, kaum jemand versucht, etwas von der Partie seines Sprösslings zu erspähen. Im Aufenthaltsraum kann man essen und trinken und es herrscht eine Stimmung wie bei einem Ausflug oder Picknick.

Niederlagen werden von den Kids sehr gefasst hingenommen.
Ich sehe keines der Kleinen weinen oder im Zorn die Figuren umstoßen. Allerdings wird allenthalben bis zur letzten Patrone gespielt, auch in absolut aussichtsloser Lage. Aufgeben ist hier nicht Usus, was mir schon im Vorjahr bei einigen lugendlichen im Bangkok-Open aufgefallen war. Zur nächsten Runde klemmt irgendwo die Säge, irgendetwas ist schief gelaufen und die Runde startet etwas später als angesagt, die U6 noch etwas später. Mr. Leong sitzt am Turnierleitertisch mit steinernem Gesicht und spielt mit einer Hand mit einer zusammengeknüllten Papierkugel. Kein Zweifel, der Mann ist stinksauer. Nachdem es ihm in der Kindergruppe zu laut zugeht, schnappt er sich das Mikrophon und spricht Klartext. Er erklärt, dass ein Schachturnier die gleiche Disziplin wie im Schulunterricht verlangt und dass er diese auch von allen erwartet. Das wirkt, und bald ist auch diese Gruppe wieder voll zugange. Ein junger Turnierhelfer bringt zwei Essensportionen zum Turnierleitertisch, von denen er eine Mr. Leong anbietet. Der macht eine ärgerliche Geste und scheucht den jungen Mann weg. Essen im Turniersaal ist nicht erwünscht, für niemanden; schließlich soll es kein schlechtes Beispiel geben. Mr. Leong verschwindet bald darauf.

Nach einer halben Stunde kommt ersichtlich entspannt zurück. Wir gehen in den Pausenraum und setzen uns in eine entfernten Ecke, und Mr. Leong plaudert aus dem Nähkästchen. Die Schachschule wurde vor ca. 6 Jahren gegründet. Zunächst mit nur zwei Trainern, die Privatunterricht in der Wohnung der Schüler gaben, es gab noch keine eigenen Räume. Durch die positive Entwicklung war es möglich, vor drei Jahren die heutigen Räume anzumieten und die Zahl der Trainer auf heute 28 aus 10 verschiedenen Ländern zu erhöhen. Neben den Kursen, zwei Spielabenden in der Woche für den angeschlossenen Schachklub und dem Einzeltraining betreuen die Trainer Schulschachgruppen und eine Nachwuchsfördergruppe der Singapur Schachföderation mit ca. 120 Kindern und Jugendlichen. Dazu kommen Turniere und Veranstaltungen, die von dem von mir besuchten Kinderturnier bis zu den Asiatischen Jugendmeisterschaften 2005 in Thailand und zum Asean School Chess Festival reichen, die alle von Mr. Leong organisiert wurden. Außerdem ist die Schachschule eine der FIDE Trainerakademien (die andere ist in Berlin, eine weitere ist in Planung).

An den Kursen der Schachschule nehmen durchschnittlich etwa 300-400 Kinder teil, der Schachklub hat ungefähr 300 Mitglieder. IntChess Asia Pte Ltd. wird heute als eingetragene Firma geführt, was bei dem Umfang der Aktivitäten – auch in finanzieller Hinsicht – nicht verwundert. Die Kinder sind im Alter von 5-13 Jahren. Im großen Ganzen entspricht ihre ethnische Herkunft der Zusammensetzung der Bevölkerung Singapur, wenn auch der chinesische und indische Anteil etwas höher liegt als der malaiische.

Die meisten Schüler und Eltern kommen durch Mund zu Mund Propaganda zur Schachschule, nur gelegentlich werden kleine Anzeigen in der Tagespresse geschaltet. Die meisten Kinder bleiben etwa ein Jahr und nehmen in dieser Zeit an mehreren Kursen teil, die jeweils 5 Sitzungen (Anfängerkurs) bis 10 Sitzungen a 1,5 Std. umfassen.

Der billigste Kurs ist der Anfängerkurs für Kinder für etwas mehr als 40 6. Gelegentlich werden wohl die hohen Kurskosten von Kritikern moniert, aber Mr. Leong hält sich strikt an die wirtschaftlichen Gegebenheiten, die für den betriebenen Aufwand solche Preise erforderlich machen. Und die Masse der Eltern akzeptiert dies auch, wie man sieht.

Die Schule hat ein umfassendes Curriculum mit über 250 Unterrichtseinheiten entwickelt, die für alle Trainer bindend sind. Natürlich kann der Trainer seinen persönlichen Stil einbringen, ist aber ähnlich wie im Schulunterricht verpflichtet, den Lehrstoff komplett und in der angegebenen Weise zu vermitteln. Dies gilt natürlich nicht für den Einzelunterricht für weit Fortgeschrittene, wo der Trainer individuell auf Fähigkeiten und Bedürfnisse des Schülers eingeht. In den Kursen erhält jedes Kind Arbeitsmaterialien zu Unterstützung des Erlernten.

Die Eltern erwarten, dass ihre Kinder mit Schach ein Life-Time-Hobby lernen und das die Werte des Schachspiels helfen werden, dass intellektuelle Potential der Kinder zu entwickeln. In Singapur wird Bildung ganz groß geschrieben und man hat Respekt vor Wissen und Können, was sich auch in der Bereitschaft zeigt, Kursgebühren zu zahlen, die für viele Eltern keineswegs „Peanuts“ sind. Neuerdings wird sogar ein Kurs für Eltern angeboten, denen neben einigen Schachgrundlagen Informationen über die Welt des Schachs, Schachturniere und das Verhalten der jungen Spieler und deren Eltern, Hilfe-Einer der russischen Trainer kümmert sich um die stehen gebliebene Uhrstellung bei der Wahl eines Trainers und wie sie ihrem Kind in der frühen Phase seiner Schachkarriere helfen können. Witzigerweise spiegelte dies ziemlich exakt die Thematik meines „Schach-Lehrbuch für Kinder k Eltern“ wider, was mich besonders freute, weil diese Ansatz in Deutschland von vielen Kritikern nicht sonderlich ernst genommen wird. Aber die Eltern sind eine wichtige Trainingsressource für Kinder und oft steht oder fällt mit ihnen die kindliche Motivation, sich dauerhaft mit Schach zu beschäftigen. Weiterführende Elternkurse sind für 2006 geplant. Einzeltraining gibt es für umgerechnet 35 6 für 1,5 Std. oder 45 6 für 2 Std. in der Schachschule. Für den Hausbesuch des Trainers sind zusätzliche 10 Dollar (ca. 5 6) zu zahlen, ein fairer Zuschlag, der etwa den Taxikosten entspricht, und – wenn der Trainer einen FIDE-Meistergrad ab FM hat oder FIDE Instruktor ist (der unterste Grad der FIDE-Trainertitel, es folgen FIDE Trainer und FIDE Senior Trainer), ist ein weiterer 10-Dollar-Zuschlag zu zahlen. Mr. Leong möchte nämlich weltweit die Stellung der Trainer aufwerten und ihnen damit verstärkt die Möglichkeit zu einem angemessenen Einkommen geben. Dazu sollen die FTDE Trainer Akademie und die neuen Trainertitel in besonderem Maße beitragen. Mr. Leong schenkt mir zum Abschied noch „IntChess“-Magazin, ein alle zwei Monate erscheinendes, sehr gut gemachtes Heft von über 60 Seiten DIN A4 mit Spiralbindung und farbigem Umschlag. Es ist gleichzeitig die einzige Schachzeitung Singapurs. Berichte von aktuellen Turnieren und Kursen, z. B. über die Jugend-WM in Belfort oder einem Bericht mit kommentierten Partien des ungarischen Erfolgstrainers IM Tibor Karolyi über den 10,5 aus 11 Sieg seines singapurianischen Schülers Ravidran Shanmugan in einem First-Saturday-Turnier in Ungarn. Mit Quiz und Tipps werden auch schwächere Spieler angesprochen, mit weiteren Beiträgen alle Leser informiert und unterhalten. Im Heft fand ich sogar einen Artikel über das Schachdorf Ströbeck – besser illustriert als ich je einen in Deutschland gesehen habe!